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Hermann Hesse: “Stufen”

STUFEN

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

                                   ***

 

(aus: “Das Lied des Lebens, Die schönsten Gedichte von Hermann Hesse“, Suhrkamp-Verlag Frankfurt am Main, 1986)

(v.k.)

Hermann Hesse: “Manchmal”

MANCHMAL

Manchmal, wenn ein Vogel ruft
Oder ein Wind geht in den Zweigen
Oder ein Hund bellt im fernsten Gehöft,
Dann muß ich lange lauschen und schweigen.
 
Meine Seele flieht zurück,
Bis wo vor tausend vergessenen Jahren
Der Vogel und der wehende Wind
Mir ähnlich und meine Brüder waren.
 
Meine Seele wird ein Baum
Und ein Tier und ein Wolkenweben.
Verwandelt und fremd kehrt sie zurück
Und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?

                              ***

(aus: “Das Lied des Lebens, Die schönsten Gedichte von Hermann Hesse“, Suhrkamp-Verlag Frankfurt am Main, 1986)

(v.k.)

Hermann Hesse: “Kennst du das auch?”

KENNST DU DAS AUCH ?

Kennst du das auch, daß manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehn mußt?

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
Wie Einer, den ein plötzlich Herzweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, weinst ohne Halt – Kennst du das auch?

                               ***

(aus: “Das Lied des Lebens, Die schönsten Gedichte von Hermann Hesse“, Suhrkamp-Verlag Frankfurt am Main, 1986)

(v.k.)

Hermann Hesse: “Liebeslied”

…er singt dir das Lied von der Liebe, er singt dir das Lied von mir

LIEBESLIED

Ich bin der Hirsch und du das Reh,
Der Vogel du und ich der Baum,
Die Sonne du und ich der Schnee,
Du bist der Tag und ich der Traum.

Nachts aus meinem schlafenden Mund
Fliegt ein Goldvogel zu dir,
Hell ist seine Stimme, sein Flügel bunt,
Der singt dir das Lied von der Liebe,
Der singt dir das Lied von mir.

                      ***

(aus: “Das Lied des Lebens, Die schönsten Gedichte von Hermann Hesse”, Suhrkamp-Verlag Frankfurt am Main, 1986)

Im “Liebeslied” von Hermann Hesse berühren sich in ganz wenigen Worten Poesie, Natur und Musik sowie eine Stimme, die unter die Haut geht…

(v.k.)

“Das Leben, das ich selbst gewählt”…

…denn ungeboren, hab ich es bejaht…

DAS LEBEN, DAS ICH SELBST GEWÄHLT

Eh‘ ich in dieses Erdenleben kam,
ward mir gezeigt, wie ich es leben würde.
Da war die Kümmernis, da war der Gram,
da war das Elend und die Leidensbürde.
Da war das Laster, das mich packen sollte,
da war der Irrtum, der gefangennahm.
Da war der schnelle Zorn, in dem ich grollte,
da waren Haß und Hochmut, Stolz und Scham.

Doch war da auch die Freude jener Tage,
die voller Licht und schöner Träume sind,
wo Klage nicht mehr ist und nicht mehr Plage,
und überall der Quell der Gaben rinnt;
wo Liebe dem, der noch im Erdenkleid gebunden,
die Seligkeit des Losgelösten schenkt,
wo sich der Mensch, der Menschenpein entwunden,
als Auserwählter hoher Geister denkt.

Mir ward gezeigt das Schlechte und das Gute,
mir ward gezeigt die Fülle meiner Mängel,
mir ward gezeigt die Wunde, draus ich blute,
mir ward gezeigt die Helfertat der Engel.
Und als ich so mein künftig‘ Leben schaute,
da hört‘ ein Wesen ich die Frage tun:
Ob dies zu leben ich mich traute,
denn der Entscheidung Stunde schlüge nun.

Und ich ermaß noch einmal alles Schlimme –
„Dies ist das Leben, das ich leben will!‟,
gab ich zur Antwort mit entschloss‘ner Stimme
und nahm auf mich mein neues Schicksal still.
So ward geboren ich in diese Welt,
so war‘s, als ich ins neue Leben trat.
Ich klage nicht, wenn ‘s oft mir nicht gefällt,
denn ungeboren hab‘ ich es bejaht.

                               ***


Auch wenn ich lange darüber nachdenke: Ich bin mir nicht sicher, vor meiner Geburt von einem Engel in dieser Weise befragt oder gar zu einer Entscheidung gedrängt worden zu sein…

Egal. Das Leben, das ich selbst gewählt” ist eines der schönsten und innigsten Gedichte, die ich kenne. Das mich bei jedem Lesen immer wieder tief berührt. Das nahe geht, da es unsere menschlichen Stärken und Schwächen aufzeigt. Das versucht, aus der Perspektive des Erwachsenen den magischen Moment von der “Ungeborenheit” zum “Ich” zu beschreiben. Und das uns darin bestärkt, genau dieses Leben anzunehmen, welches uns gegeben wurde. Bedingungslos und verantwortungsvoll. Und mit einer großen Ehrfurcht vor eben diesem Leben.

PS: Es gibt allerdings auch Ungeklärtes: In der literarischen Fachwelt ist die Urheberschaft dieses Gedichtes nicht eindeutig und umstritten; sie wird sowohl Hermann Hesse als auch Max Hayek zugeschrieben. Hesses Verfasserschaft wird indes weder vom Suhrkamp-Verlag, noch vom Hesse-Museum in Calw oder der Hermann Hesse-Stiftung in Montagnola anerkannt. Zahlreiche Verweise auf ihn im Internet oder wie oben bei Youtube sind also mehr als unsicher. Nach anderen Quellen soll Max Hayek ( 1882-1944) es im Jahre 1906 erstmalig veröffentlicht haben, doch auch das ist nicht zweifelsfrei nachgewiesen.

Im Gegensatz dazu stammt das spätere Gedicht “Der Weg” (1916) nachweisbar aus Hayeks Feder und weist auffallend viele stilistische und inhaltliche Ähnlichkeiten im Vergleich zum “Leben, das ich selbst gewählt” auf. Thematisch sind beide Gedichte mit dem Moment der Ungeborenheit und der (göttlichen) Vorbereitung des Menschen auf seinen Lebensbeginn befaßt. Ein Aspekt, wie er in der anthroposophischen Weltanschaung der Reinkarnation (regelmäßige Wiederkehr des Menschen auf die Erde) eine große Rolle spielt. Eine religiöse Vorstellung auch des Publizisten und Waldorf-Pädagogen Rudolf Steiner, der und dem Hayek nahe stand.

Max Hayek war ein deutsch-jüdischer Dichter, Journalist und Herausgeber, der bis 1938 in Wien lebte und arbeitete. Nach Österreichs Anschluß an das Dritte Reich emigrierte er nach Frankreich und Belgien, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Quellen:  Hermann Hesse-Portal
Image: Pixabay.com

(v.k.)

Welkes Blatt: Von Werden und Vergänglichkeit

Welkes Blatt…

Jede Blüte will zur Frucht, jeder Morgen Abend werden, Ewiges ist nicht auf Erden als der Wandel, als die Flucht.

Auch der schönste Sommer will einmal Herbst und Welke spüren. Halte, Blatt, geduldig still, wenn der Wind dich will entführen. 

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht, lass es still geschehen. Lass vom Winde, der dich bricht, dich nach Hause wehen.

Hermann Hesse 

(v.k.)