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Königsorte an der Straße der Romanik

10.-12.11.2019

In Sachsen-Anhalt unterwegs zu den Stammburgen der Ottonen und Askanier

R o m a n,  R o m a n i k,  R o m a n t i k. . .

Kann eine Straße der Romanik romantisch sein? Und ob! Als Reiseweg an sich, der den Ort A mit Ort B verbindet, sicher weniger. Dafür jedoch die Sehenswürdigkeiten, Denkmäler, Bauten und Städte, die seinen Verlauf säumen! Die gute Nachricht: Es gibt genau so eine Straße in Sachsen-Anhalt, die einen unschätzbaren Reichtum an mittelalterlichen Baudenkmälern verbindet. Und die allesamt aus der Zeit-Epoche zwischen 950 und 1250 u.Z. stammen. Hier ist sie, die Straße der Romanik:

Die Romanische Straße in Form einer “8” mit der Landeshauptstadt Magdeburg als Schnittpunkt

“Sachsen-Anhalt kann eine unvergleichliche Fülle an Baudenkmälern vorweisen, die einen geschichtlichen Einblick in die Epoche der Romanik bieten. Der Reichtum an kulturhistorisch wertvollen Baudenkmälern war Anlaß, 1993 diese Straße ins Leben zu rufen. Auf einer Länge von 1000km verbindet sie 88 romanische Bauwerke in 73 Orten. Diese sind eng verknüpft mit der Geschichte der Ottonen und der Königserhebung Heinrichs I. In ihrer 25-jährigen Geschichte hat sich die Romanische Straße zu einer der bedeutendsten Ferienstraßen Deutschlands entwickelt und zieht jährlich 1.5 Millionen Kultur- und Geschichtsinteressierte an. Seit 2007 ist diese Straße ein Teil der Europäischen Kulturroute TRANS-ROMANICA, die europäische Regionen in acht Ländern verbindet.” 

Wichtige Orte, die eng mit der Entstehung des ostfränkischen bzw. des späteren Heiligen Römischen Reichs zusammenhängen, liegen auf der Südroute eben dieser “8”. Genauer am Nordrand des Ostharzes, wo sich seine bewaldeten Höhen zur Ebene im Norden hinabsenken. Unsere Ziele sind die Welterbestadt Quedlinburg und die mittelalterlichen Städte Gernrode und Ballenstedt.

Wir gönnen uns pro Tag eine historische Stadt -ein mehr als sportliches Unterfangen! In diesem Kontext einige Ansichten und Anmerkungen zur reichen Historie dieser Städte:

Quedlinburg

Wirtschaftliche Keimzelle Quedlinburgs, Grablege der Ottonen und Damenstift. Blick von der Stiftskirche St. Servatii…

…auf die Dächer Quedlinburgs

In der einstigen Königspfalz am Nordrand des Harzes begann vor mehr als 1100 Jahren und mit der Königs-Krönung Heinrich I. die deutsche Geschichte. Er machte die Pfalz zum Zentrum der Reichspolitik und begründete in seiner Familiendynastie mit Otto II. auch den ersten deutschen Kaiser:

“Die Geschichte König Heinrichs I. und der Dynastie der Ottonen ist eng mit der Landesgeschichte des heutigen Sachsen-Anhalts verbunden. Eine besondere Rolle spielt Quedlinburg: Der dort gelegene Finkenherd gilt als der legendäre Ort, an dem Heinrich I. im Jahr 919 zum ostfränkischen König erhoben wurde. Später wählte Heinrich Quedlinburg zum Ort seiner Grablege. Mit seiner klugen Politik, die auf Ausgleich mit den Großen in Sachsen und Franken sowie auf weitsichtige Heiratsverbindungen setzte, schuf er das Fundament für den Erfolg seiner Nachkommen, den Ottonen. Sie sollten eines der bedeutendsten Herrschergeschlechter der europäischen Geschichte werden. Mit der Verbindung der königlichen mit der kaiserlichen Macht leitete Heinrichs Sohn, Otto der Große, eine Entwicklung ein, die später den Aufstieg des ostfränkischen Reiches zum Heiligen Römischen Reich begründete. Damit wurde eine der historischen Grundlagen für das heutige Deutschland geschaffen.” (1)

Mit ca. 86 ha ist Quedlinburg heute eines der größten Flächen-Denkmale in Deutschland. Mit mehr als 2000 Fachwerkbauten und einer einmaligen, mittelalterlichen Stadtanlage wurde die Stadt 1994 in die UNESCO-Welterbeliste der schützenswerten Kulturgüter aufgenommen.

Marktplatz mit Rathaus, Stadt-Wappen und reichen Bürgerhäusern

In der romanischen Stiftskirche St. Servatii mit Krypta (Confessio) und beiden Domschatzgewölben

Auf königlicher Spurensuche: Wappen, Goldmünze und die heilige Lanze, die 933 in der (siegreichen) Schlacht der Ostfranken gegen die Ungarn mitgetragen wurde

Stadterkundung und tausendjährige Geschichte(n) machen pflastermüde und hungrig…

Gernrode

Weniger als 10 km in südlicher Richtung liegt ein zweiter Besuchermagnet der Romanik mit mehr als 1100-jähriger Geschichte: Gernrode.

Vor der Stiftskirche Sankt Cyriakus

“In Gernrode zeigt sich in besonders deutlicher Weise die enge Verbindung zwischen der Familie Heinrichs I. (875-936) und der Oberschicht der sächsischen Adelsfamilien der Region. Der Name der Stadt verweist auf den Markgrafen Gero, einen engen Vertrauten Kaiser Otto des Großen (912-973), der hier eine Burg als Herrschaftsmittelpunkt seiner Familie erbaute. Ohne Erben geblieben, gründete Gero im Jahre 959 auf dem Burggelände ein Kanonissenstift mit der Stiftskirche St. Cyriakus. Von den Ottonen wurde das Stift Gernrode aus familiärer Verbundenheit in der Folgezeit weiterhin reich beschenkt und mit Privilegien bedacht.” (1)

Das beeindruckendste Bauwerk hier: Die sehr gut erhaltene romanische Stiftskirche aus dem 10. Jahrhundert. Mit einem weiteren Highlight in seinem Inneren: Im südlichen Seitenschiff befindet sich die älteste erhaltene Nachbildung des Grabes Christi nördlich der Alpen (11.Jhd.).

Die Stiftskirche St. Cyriakus: Kirchenschiff mit Hohem Chor, Decke und Sarkophag des Markgrafen Gero

Im Inneren der Stiftskirche: Apsis, Krypta und Nachbau des Heiligen Grabes

Gernrode zum Anfassen: Die Stiftskirche aus der Kaffeehausperspektive, ganz in der Nähe die vermutlich älteste protestantische Elementarschule Deutschlands (1533)

Ballenstedt

Diesmal sind es wiederum nicht mehr als 10km, bis wir Ballenstedt in Richtung Osten erreichen. Der geschichtliche Sprung von Qedlinburg und Gernrode zur Wiege Sachsen-Anhalts und zum Adelsgeschlecht der Askanier beträgt jedoch mehr als 150 Jahre. Als Ort erstmals im Jahre 1030 urkundlich erwähnt, gründet Esico von Ballenstedt auf dem heutigen Burgberg ein Kollegiatsstift. Das Stift auf dem Gelände der Stammburg wird 1123 in ein Benediktinerkloster umgewandelt. An Stelle der in ein Kloster verwandelten Burg wird durch den Enkel Esicos, den späteren Markgrafen Albrecht der Bär (1100-1170) die Burg Anhalt im Selketal gebaut. Die Klosterkirche wird Begräbnisstätte der Anhaltiner.

“Die Grafen von Ballenstedt, die im 11. und 12. Jahrhundert zu den mächtigsten Dynastien Mittel- und Ostdeutschlands gehörten, sind unter Bezugnahme der bis 1315 in ihrem Besitz befindlichen Grafschaft Aschersleben auch als Askanier und somit als Ahnherren des anhaltinischen Fürstenhauses in die Geschichte eingegangen. Von unbekannter Meisterhand wurde Uta von Ballenstedt, Schwester des Grafen Esico, als Stifterfigur im Naumburger Dom ein weltbekanntes Denkmal gesetzt. Markgraf Albrecht der Bär ist mit seiner Siedlungs- und Kolonialisationspolitik Wegbereiter der Mark Brandenburg”. (2)

Schloß Ballenstedt mit Klosterkirche im Hintergrund und Aufgang zum Schloßtheater

Albrecht der Bär im einstigen Stammgebiet der Askanier im Selke-Gebiet des Ostharzes

Uta von Ballenstedt vor Krypta und gräflicher Begräbnisstätte

Von den 88 romanischen Bauwerken liegen bedeutende und gut erhaltene im Harzvorland (s.o.). Einige davon haben wir kennengelernt, der “Rest” muß sich halt noch etwas gedulden…

karten-image: de.m.wikipedia.org

Angegebene Zitate aus:

  • (1): “Königsorte-Auf den Spuren Heinichs I. in Sachsen-Anhalt”/Zentrum für Mittelalterausstellungen (ZMA) 2019
  • (2): “Ballenstedt-die Wiege Anhalts”/Informationsbroschüre der Stadtverwaltung Ballenstedt 2019

(v.k.)

Wo die Zeit lebt: In der Uhrmacherstadt Glashütte

31. Oktober 2019

Im malerischen Müglitztal südlich von Dresden und Heidenau liegt die sächsische Kleinstadt Glashütte. Zwischen steilen und bewaldeten Berghängen und auf einer Höhe von 350m wurde der Ort am Anfang des 16.Jhd. erbaut.

Glashütte gehört heute mit seinen 7500 Einwohnern zum Landkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge. Seine Koordinaten zum Nachschlagen: 50° 85`nördliche Breite und 13° 78`östliche Länge. Das Besondere dieses Ortes: Hier werden seit über 170 Jahren Uhren von besonderer Qualität hergestellt. Ob astronomische Kunstuhren, Schiffsuhren, Tachometer, präzise Pendeluhren oder mechanische Taschenuhren: “Made by Glashütte/Germany” ist das Qualitätssiegel der hier ansässigen elf Familienunternehmen mit unterschiedlicher Tradition.

Moderne Produktionsstätten an der Müglitz und das Deutsche Uhrenmuseum

“Mit seiner Entwicklung ist Glashütte einer der spannendsten Schauplätze deutscher Wirtschaftsgeschichte. 1506 als Bergstadt gegründet, bedeutet das Versiegen der Silberfunde im Erzgebirge für die Menschen eine Zeit der Verarmung und Entbehrung. Andere Einnahmequellen sind schwer zu finden. Durch die ehrgeizigen Pläne von Ferdinand A. Lange ab Mitte des 19. Jahrhunderts kommt das Uhrmacherhandwerk in die Stadt und der Aufschwung beginnt. Im Jahr 1845 beginnt er mit der Ausbildung der ersten 15 Lehrlinge und der Fertigung von ersten relativ schlichten Zeitmessern. Weitere Uhrmacher folgen. Mit Leidenschaft, Können und unternehmerischem Geschick verwirklichen talentierte Uhrmachermeister wie Ferdinand Adolph Lange, Julius Assmann, Moritz Großmann und Adolph Schneider ihren Traum von einer eigenständigen sächsischen Uhrenindustrie und begründen den weltweiten Ruf des Ortes. Schnell entwickelt sich Glashütte zum Inbegriff der deutschen Uhrmacherkunst, die seitdem weltweit große Anerkennung findet”.

Ferdinand Adolph Lange (1815-1875): Gründer der Glashütter Uhrenindustrie, erster Bürgermeister und später Ehrenbürger der Stadt

Die “UNION”-Uhrenfabrik ist eine der gegenwärtig elf Uhrenproduzenten von Glashütte

Bei einem Besuch der Stadt ein unbedingtes Muß: Das Deutsche Uhrenmuseum Glashütte im Gebäude des ehemaligen Fachschule für das Uhrenhandwerk.

“Unter dem Motto “Faszination Zeit – Zeit erleben” inszeniert das deutsche Uhrenmuseum Glashütte seit seiner Eröffnung im Jahre 2008 nicht nur den Mythos Glashütte, sondern verschafft mit seiner Sammlung auch einen emotionalen und philosophischen Zugang zum Phänomen Zeit. Meisterwerke aus Glashütte vereinen kunstvoll Präzision und Schönheit mit lebendiger Tradition, die vom Streben nach handwerklicher Perfektion getragen wird”. (Quellen aus: “Faszination Zeit- Deutsches Uhrenmuseum Glashütte”). 

Für die Nachwelt aufbewahrt: Exponate von hoher Präzision, Schönheit und zeitloser Eleganz

Der Mythos: Die technische Miniaturwelt eines mechanischen Uhrwerks! Mit Komponenten so dünn wie ein Haar und nur durch eine Lupe sichtbar. Das Zusammenwirken seiner unzähligen Einzelteile und die komplexen Mechanismen hinter den Zeigern. Die Kreativität von Ingenieurskunst und handwerklicher Perfektion sowie die Faszination der Zeitmessung über ein Wunderwerk en minature…

Der Zeittakt von Glashütte-1

Der Zeittakt von Glashütte-2

(v.k.)

In der Grafschaft Mansfeld

Im Juli, 2018

Luther, Luther und kein Ende: Auch in der Sachsen-Anhaltinischen Kleinstadt Mansfeld hat Fortuna im Lutherjahr klingende Münze(n) hinterlassen: Mit Fördermitteln der Europäischen Gemeinschaft und diversen Landesfonds konnten arg in Mitleidenschaft geratene Zeitzeugen aus dem frühen Mittelalter restauriert, neu gebaut und wieder in das rechte Licht gerückt worden: Luther`s Elternhaus, das Mansfelder Rathaus mit dem Rektorat, die Stadtkirche St. Georg und ein Museums-Neubau mit der Luther-Dauerausstellung “Ich bin ein Mansfeldisch Kind” zählen jedenfalls dazu. Kurz vor Martin Luthers Geburt zog die Familie noch unter dem Namen Luder von Eisleben nach Mansfeld. Hier verlebte Luther zwischen 1484 und 1496 seine Kinder- und Jugendjahre, bevor er in Magdeburg weiter zur Schule ging. Mit den Mansfelder Grafen war er darüberhinaus Zeit seines Lebens eng verbunden.

Mansfeld-Lutherstadt gehört neben Wittenberg und Eisleben zur Stiftung Luthergedenkstätten. Leider ist der Zustand von Schloß Mansfeld, dem Stammsitz der Mansfelder Grafen und auch der übrigen Stadt weniger erbaulich… (v.k.)

Mansfeld

Schloß Mansfeld und Schloßkirche unter dem Schutzpatron des Mansfelder Landes: dem heiligen Georg

Am Osterbach-Triftkanal

Im Februar, 2018

Osterbachkanal

Osterbach-Triftkanal bei Haidmühle/Bayerischer Wald

Die Triftkanäle des Bayerischen Waldes und des Böhmerwaldes sind natürliche oder künstliche Wassergräben, die in erster Linie für den Abtransport des Holzes aus den Wäldern zur nächstgrößeren Wasserstraße angelegt wurden. Nach Norden zur Moldau, nach Süden über die Große Mühl zu Ilz und Donau. Die geringe Wasserführung dieser Kanäle erlaubte dabei nur den Transport von (ungebundenem) Brennholz in die holzhungrigen Städte. Dies in der Regel im Frühjahr und Herbst, da die angebundenen Flüsse in dieser Zeit mehr Wasser führten. Einer dieser Kanäle ist der Osterbach bei Haidmühle, der als Quellbach der Ilz bei Passau in die Donau mündet. Er wurde vor mehr als 100 Jahren für den Holztransport ausgebaut.

Osterbachkanal

Eine Qualität höher war der kontrollierte Transport von Holz und Stämmen (“schwemmen”) über breiter und tiefer ausgebaute Kanäle. Unter Kontrolle der Holztreidler war damit ein weitaus wirtschaftlicherer Transport als über Waldwege und Landstraßen möglich. Ein Beispiel dafür ist der als achtes Weltwunder bezeichnete Schwarzenberger Schwemmkanal. Er beginnt ca. 6km weiter östlich auf böhmischer Seite und wurde im 18./19. Jhd. in mehreren Abschnitten erbaut. Der Schwemmkanal versorgte über böhmisches und österreichisches Böhmerwaldgebiet die Großstädte Passau und Wien mit Nutz- und Brennholz. Weltwunder? Der Kanal (Planung/Bauleitung durch Forstingenieur J. Rosenauer) überwindet durch einen Tunnel einen 400m breiten Bergrücken und damit die natürliche Wasserscheide zwischen Moldau und Donau!

Osterbachkanal

In der Vergangenheit wurden mit der Energie des Wassers übrigens mehr als 14 Millionen Raummeter Holz transportiert. Es steht auch geschrieben, daß das aus dem Böhmerwald geschwemmte Holz nach dem ersten Weltkrieg die Wiener Bevölkerung vor dem Erfrieren rettete…

OsterbachkanalDer ca. 50km lange Schwarzenberg-Schwemmkanal mit seinen Schleusen, Röschen und Tranportbrücken ist auch heute noch wasserführend. Er wurde in großen Teilen aufwendig restauriert und ist heute -wie auch der Begleitweg oben am Osterbach-Triftkanal- ein herrlich angenehmer und schattiger Wanderweg. Nutzbar im Sommer auch als Radweg, im Winter als gespurter Skiwanderweg- Ski heil!  (vk)

image: commons.wikimedia.org

VINETA liegt im Leipziger Seenland

23./24.06.2017

Wo sich im Oktober 1813 in Leipzigs Süd-Osten, in etwa auf der Linie Dölitz-Markkleeberg-Wachau-Liebertwolkwitz eine halbe Million Soldaten Napoleons und der Alliierten gegenüberstanden, ist das Gelände heute kaum verändert: Eine weite, wellige Ebene mit Feldern, Auenhainen und Dörfern, aus denen die Kirchtürme neugierig herauslugen.

Doch einige Kilometer weiter südlich dieses Völker-Schlachtfeldes gilt dies nur bis 1937: In diesem Jahr wird im Leipziger Südraum der Tagebau Espenhain aufgeschlossen, in dem 1940 auf mehreren Baufeldern mit der Rohkohleförderung begonnen wird. Bis zur Schließung 1993/1994 werden hier insgesamt 570 Mio t Braunkohle ausgebeutet. Der Hunger nach Kohle geht allerdings auf Kosten von Natur und Landschaft und kollidiert mit dem Recht nach sauberer Heimat: Vor dem Sanierungsbeginn ist das gesamte Gebiet zu einer gespenstischen Mondlandschaft mutiert: Ein gigantisches Niemandsland aus Bergen von Abraum und Schmutz, Wasser und Kraterschlünden. Tote Materie.

Die Umgestaltung/Renaturierung und Flutung einzelner Baufelder beginnt bereits vor der Wende. Zögerlich und dort, wo einst die Schaufelradbagger keinen Stein auf dem anderen ließen. Die Flutung des 730 ha großen Störmthaler Sees 2014 war ein Meilenstein bei der Umgestaltung dieses bisher von der Braunkohle dominierten Landschaft. Sein Geburtsprozess verlief kontinuierlich über zehn Jahre und war nach einem Wasserzufluß von ca. 160 Millionen Kubikmetern beendet.

Die inmitten des Sees künstlich angelegte Insel VINETA steht stellvertretend für alle Orte der Gemeinde Magdeborn, die dem Braunkohleabbau weichen mußten. Sie steht auch zur Erinnerung an die versunkenen Dörfer und Zwangsumsiedlungen im ehemaligen Tagebau Espenhain, wo nach 1951 insgesamt 14 Ortschaften abgebaggert und mehr als 8000 Menschen zwangsumgesiedelt wurden. VINETA ist Mahnmal und schwimmende Kirche, Kunstobjekt und Konzertbühne. Und mit 15m Traufhöhe das höchste schwimmende Bauwerk auf einem deutschen See.

Leipziger Seen

Das neue VINETA im Störmthaler See

Nach dem Vollaufen des Zwenkauer Sees ein Jahr später war letztendlich auch die größte aller Leipziger Badewannen (970 ha) gefüllt. Fazit: Von den 19 Seen im Süden Leipzigs sind damit die gewaltigsten Bergbaukrater der neu geplanten Nutzung übergeben worden. Aufwendig saniert, renaturiert und aufgeforstet. Einige davon bleiben ausschließlich dem Naturschutz vorbehalten, andere sind bereits jetzt durch schiffbare Kanäle mit Schleusen miteinander verbunden. Sowohl Kulkwitzer See (170 ha), Harthsee (65 ha), Cospudener See (436 ha), Markkleeberger See (252 ha) u.a. wurden bereits vor 2006 geflutet. 

Verantwortlich für die Flutung der Seen ist die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV). Das Bergbausanierungsunternehmen mit 900 Beschäftigten und weltweit nachgefragtem Know-How ist mit seinen umfangreichen Erfahrungen mittlerweile auf dem Weg zu einem gefragten Technologiekonzern in Ostdeutschland. Die Güteparameter der neuen Seen, deren Sauberkeit und Wasserqualität, werden in Regie der LMBV über ein ausgeklügeltes Gewässermonitoring überwacht und gegebenfalls aktiv beeinflußt.

Die Umgestaltung der vom aktiven Bergbau hinterlassenen Mondlandschaften hin zu einem lebenswerten Umfeld ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Die technischen Herausforderungen liegen in erster Linie im Grundwasseranstieg und in der Versauerung der Gewässer trotz Einsatz von Kalk-Dosierstationen (Ursache: Oxidation des in den Abraummassen befindlichen Schwefeleisens/Eisensulfids). Ein Grund dafür, daß gegenwärtig -und sehr zum Ärger der Petri-Jünger- keine Fischansiedlung möglich ist. Noch nicht. Mit Abschluß der Sanierungen wird jedoch eine der größten zusammenhängenden Ressorts für Naturschutz und Erholung, touristische Nutzung und Liebhaber des Rad- und Wassersports entstanden sein (vk).

Leipziger Seen

Bereits etabliert in der neuen Leipziger Seenplatte: Der Kulkwitzer See

1. Images:
  • de.wikipedia.org und commons.wikimedia.org
2. Quellen:
  • http://leipzigerneuseenland.leipzig.travel/de/Leipziger-Neuseenland_1039.html
  • “Störmthaler See”, Saison 2017, 01.April-22.Oktober
  • “Die Wanne ist voll”,  Freie Presse vom 26.04.2014