Südfrankreich/Okzitanien (2): Im Land der Katharer

12.-18. September 2021      

Im Katharergebiet des Languedoc und der Midi Pyrenees

Als am 16. März 1244 am Fuße der Festung Montsegur 224 Männer und Frauen verbrannt werden, geht eines der dunkelsten und tragischsten Kapitel im Südosten Frankreichs zu Ende:

Letztes Bollwerk der Katharer: Die Festung Montsegur

Die Bergfestung Montsegur- in 1200m Höhe gelegen und nur über einen schmalen Pfad zugänglich- gilt mit ihrer Ringmauer als uneinnehmbar. Aus gutem Grunde. Denn: Während der Zeit des päpstlichen Kreuzzuges gegen die Glaubensgemeinschaft der Katharer (Albigenserkreuzzug von 1209-1229) und in der Zeit danach ist die Burg für viele der Verfolgten zum stark befestigten Zufluchtsort geworden. Dies sowohl für einfache Gläubige (Credentes) als auch für die Führungselite dieser Gemeinschaft, die Vollkommenen (Perfecti). Auch für die als Faydits (Gesetzlose) bezeichneten Ritter der Festungsgarnision in Montsegur, die seit Jahrzehnten gegen die Inquisition und die französische Krone kämpfen…

Als 1242 zwei Vetreter der römischen Inquisition durch eben diese Faydits ermordet werden, läßt der französische König Ludwig IX. mehr als 6.000 Kriegsknechte gegen die “albigensischen Ketzer” aufmarschieren und ab Mai 1243 die Katharerburg belagern. 360 Männer, Frauen und Kinder, darunter 95 Kämpfer, sehen bei gut bevorrateten Lagern der Abriegelung mit Gelassenheit entgegen. Allerdings nur bis zum Dezember, als nach Einnahme eines entfernten Wachturms durch französische Soldaten und ortskundige Führer ein Dauerbeschuß durch Steinschleudern und Katapulte auf die Eingeschlossenen niedergeht.

Zur Erinnerung an den massenhaften Feuertod der Katharer im Marz, 1244

Im folgenden Frühjahr jedoch steht Montsegur vor der Kapitulation, die Besatzung ist ausgeblutet und erschöpft: Einfachen Gläubigen und der Garnision wird freies Geleit zugesichert. Die Perfecti erwartet der Feuertod, falls sie ihrem Glauben nicht abschwören und zur katholischen Kirche konvertieren. Sie waren das vorrangige Ziel der Inquisition von Papst Innozenz III. und des obersten Vollstreckers der kirchlichen Gerechtigkeit, des Großinquisitors Simon de Montfort. Am Berghang unterhalb der Festung werden Holzpalisaden und Scheiterhaufen errichtet und in Brand gesteckt. Der Überlieferung zufolge bekennt sich jeder der Vollkommenen erneut zu seinem Glauben.

Mit Hilfe von Leitern, die an die Palisaden angelehnt sind, stürzen sich die Perfecti in die Scheiterhaufen, während man die Verwundeten auf ihren Tragen über den Zaun hineinwirft. Ein einfacher Gedenkstein steht heut an diesem Platz, auf dem die Flammen loderten…

Es ist der Anfang vom Ende. Und der letzte Akt eines erbarmungslosen Krieges gegen eine der größten religiösen Bewegungen des Mittelalters. Dieser Feldzug, der mit unglaublicher Gewalt und unfaßbaren Greueltaten gegen die Bevölkerung geführt wurde, endet in Montsegur mit der existenziellen Vernichtung der Katharer. Insbesondere ihrer geistlichen Elite. Weite Teile Südfrankreichs sind in Schutt und Asche gelegt. Die noch verbliebenen Perfecti fliehen 1275 in die Lombardei. Bis zum Jahr 1320 säubert die Inquisition die letzten Schlupfwinkel der “Ketzer” auch in Mailand, Genua, Venedig und Florenz. 1329 lodern die letzten Scheiterhaufen für gläubige Katharer in Carcassonne, 1381 wird in Sienna der letzte Katharer öffentlich verbrannt. Am 3. August 1412 gräbt man westlich von Turin feierlich die Gebeine von 15 toten Vollendeten aus und übergibt sie dem Feuer. Das Ende vom Ende.


Wie alles zusammenhängt? Die Kenntnisse aus dieser Zeit sind umfangreich und doch erstaunlich präzise. Sie stammen überwiegend aus kirchlichen Quellen und den Protokollen der Inquisition. Es sind Verhörprotokolle und detaillierte Niederschriften über die straffe Organisation sowie die Riten und Glaubensgrundsätze der Katharer, die über einen Zeitraum von etwa 200 Jahren als Häretiker, also als Ketzer, verfolgt und ermordet wurden.


Die Liste an Literatur über dieses politisch-religiöse Drama, das im 13. Jh. Südfrankreich mit Blut befleckt hat, ist lang, fast unüberschaubar.

Ihren Anfang nimmt die christliche Glaubenslehre der Katharer oder Albigenser im Frankenreich des 12. Jahrhunderts. Ausgehend von der Stadt Albi im Zentrum der heutigen Region Okzitanien. Mit ihrer Kritik an der römisch-katholischen Kirche, die statt tätiger Nächstenliebe dem Mammon Geld und Macht frönt, erwerben sich die Wanderprediger dieser Religionsgemeinschaft schnell viele Anhänger. In Papst und Kirche sehen sie die große “Hure Babylon” der Apokalypse.


Dabei sehen sich die Katharer selbst als Christen, jedoch mit einer dualistischen Weltanschauung und im Widerspruch zur biblischen Schöpfungsgeschichte: Danach ist alles Materielle, incl. die Schöpfung, die Welt und die Menschen böse, weil Satan sie geschaffen hat. Die guten Dinge jedoch, die Seelen und der Himmel, sind gut und bei Gott zu suchen. Anziehend für die meisten unter ihnen: Die Seelentaufe am Lebensende ohne Gegenleistung ist Sündentilgung pur. Die Vollkommenen, die die katharische Taufe (das Consolamentum) erhalten haben, waren zudem dem Fasten sowie der Arbeit verpflichtet. Als Prediger und schwarz gekleidet durch das Land ziehend, lehnen sie alles Weltliche, incl. Ehe, Eigentum und festen Wohnsitz radikal ab. Das betrifft auch Speisen wie Fleisch, Käse und Milch…


Doch nicht nur im ländlichen Raum und beim einfachen Volk erstarkt die neue Bewegung, auch angesehene Familien und große Teile des okzitanischen Adels zählen zu ihren Sympathisanten und tätigen Unterstützern. Die Grafschaften von Toulouse und Foix wenden sich gegen die katholische Kirche und den König von Frankreich. Sie verteidigen ihr Land und gleichzeitig ihre politische Unabhängigkeit und Religionsfreiheit. Dabei geht es nicht nur um theologische Auseinandersetzungen, es geht natürlich auch um Geld und Einfluß sowie um Machtansprüche gegenüber der französischen Monarchie.  Auf ihren Ländereien und in ihren Burgen und Bergfestungen finden die vermeintlichen Ketzer tatkräftige Hilfe und Unterkommen sowie finanzielle und militärische Unterstützung. Über lange Zeit und bis zum bitteren Ende…

Die Burgen der Katharer 

Die militärischen Operationen und Schlachten wurden zwar  auf dem gesamten Gebiet Okzitaniens geführt, die Grenzfestungen zum damaligen katalanischen Roussillon im Süden des Longuedoc standen jedoch im Zentrum des Widerstands. Diese Festungen und Zitadellen sind heut unter dem Namen “Burgen der Katharer” bekannt. Sie  befinden sich vorrangig in den Departements Aude und Ariege. Wie Adlernester thronen sie stolz und trotzig über dem Vorland der Pyrenäen. Ein Anblick, der dem Betrachter den Atem rauben kann…

Weil wir uns selbst ein Bild machen wollen, haben wir einige von ihnen besucht. Unser Urlaubsdomizil während dieser Zeit: Die Stadt Puivert.

Übersicht: Die Katharerburgen des Longuedoc


1. MONTSEGUR  

In der Übersetzung ist Montsegur der “Sichere Berg”. In 1207m Höhe gelegen, scheint die Feste in den Bergen des Ariege unbezwingbar zu sein. Mit Genehmigung von Reymond de Pereille wird sie 1204 durch die Katharer wiederaufgebaut und befestigt. Als Hauptsitz und Hochburg des Katharismus, fällt Montsegur 1244 nach heldenhaftem Widerstand (s.o.).

Der Pog (okzitanisch für Berg) mit der Feste Montsegur

Festungshof und Verteidigungswerke im Burginneren

Die Mauern von Montsegur geben den Blick frei auf das vorgelagerte Plantaurel-Gebirgsmassiv

Vor dem Aufstieg zum Pog: Gedenkstein auf dem “Prat del Cremats”, dem Feld der Verbrannten. Die Stele trägt die Inschrift: “Den Katharern, den Märtyrern der reinen christlichen Liebe”


2. PUIVERT

Weder Felsspitzen noch schwindelerregende Steilhänge- das Chateau Puivert erhebt sich auf einem sanften Bergrücken des Quercorb zwischen den Städten Lavelanet und Quillan. Die Burganlage des Vicomte de Bruyeres befindet sich im 13. Jh. in Besitz der Familie Congost, die nach dem katharischem Glauben leben. Nach 3-tägiger Belagerung ergibt sich die Burg im Herbst 1210 den Kreuzfahrern. Die Tochter Saissa wird am Fuße des Montsegur als Ketzerin verbrannt.

Das Chateau Puivert

Bergfried, mit Spitzbögen überwölbte Kapelle und farbenfroher Gobelin aus dem “Saal der Musikanten”


3. CARCASSONNE

Carcassonne ist seit dem 9. Jh. eine der bestausgebauten Zitadellen und eines Verteidigungssystems im Longuedoc, welches zur Grenzsicherung gegen das südliche Katalonien ausgerichtet ist. Sie gehört zu den Hauptstützpunkten der Katharer über dem Aude-Tal und ist im Besitz des Vicomte Trencavel. Nach dem Blutband von Beziers, wo 20.000 Menschen massakriert werden, wird auch Carcassonne 1209 von den Kreuzfahrern belagert. Die Stadt muß kapitulieren, 400 Katharer werden verbrannt oder gehängt. Danach wird Carcassonne Hauptquartier des Kreuzzugs unter Simon de Montfort.

Silhouette von La Cite, der Festungsstadt Carcassonne

Vor dem Westtor der Stadt

Wehrgang und äußerer Befestigungsgürtel

Teil der 3km langen Stadtmauer an der Westseite, Freilichtbühne, Rue Carcas und Rosette der Basilika Saints Nazaire

Torburg am Osttor, Trencavel-Ausleger, Madame Carcas und der Fluß Aude mit moderner Stadtbrücke. Im Hintergrund  das Bergmassiv der Montagne Noire


4. PUILAURENS

Die Burg Puilaurens erhebt sich auf einer   Felsspitze oberhalb des Boulzane-Tals und unweit der Schlucht von Pierre-Lyz. Sie gehört zum Besitz des Vicomte de Fenouilett aus dem Königshaus von Aragon. Als sicherer Rückzugsort der Katharer widersteht die Burg allen Angriffen der Kreuzfahrer. Nach einem Hinterhalt 1256 muß die Burg jedoch kapitulieren; sie gelangt 1258 in den Herrschaftsbereich der französischen Krone.


5. PEYREPERTUSE

Peyrepertuse  ist die größte Festungsanlage der Katharer. Sie liegt in der französich-katalanischen Grenzregion auf einem 800m hohen Felssporn im Bergland von Corbieres. Wie Queribus wird sie Bestandteil des gegen Katalonien ausgerichteten Grenzsicherungssystems. Die Felsenburg gehört bis zur (nicht vorgesehenen) Belagerung durch die Kreuzfahrer und der Kapitulation am 16. November 1240 zur Grafschaft Besalu, einem kleinen katalanischen Landstreifen. Die Übergabe an die königlichen Truppen erfolgt aus: Mangel an Vorräten! Mit dem Abkommen von Corbeil 1258 fällt sie auch vertraglich an die französische Krone. 

Aus der Vogelperspektiv und via Teleobjektiv: Peyrepertuse in Form eines riesigen Schiffes mit einer Länge von 300m

Aufgang zur Ringmauer des alten Donjon

Nicht mehr weit bis zu den Wolken: Eine der vier Zisternen auf dem Felsen von San Jordi

Uneinnehmbar? Der Nimbus der Unbesiegbarkeit ist auch im 13. Jahrhundert relativ…


6. QUERIBUS

Die Burg Queribus tront auf einer Höhe von 730m mächtig und eindrucksvoll auf einem der Festung Peyrepertuse benachbarten Felskamm. Mit drei aufeinanderfolgenden Ringmauern und in Sichtweite zu ihrer größeren Schwester scheint sie unbezwingbar. Zum Königreich Aragon gehörend, wird sie Im Jahr 1239 an Frankreich verkauft. Da die örtlichen Befehlshaber den Katharern- auch nach dem Fall von Montsegur- weiterhin Untersützung und Unterschlupf gewähren, wird Queribus 1255 als deren letzte Widerstandsinsel belagert und muß gleichzeitig wie Puilaurens aufgeben.

Wie ein Adlernest in höchster Höhe: Die Burg Queribus

Queribus sitzt auf einem Felsen, der den Paß “Grau de Maury” überragt. Im Süden liegt das Tal der Agry

Die beeindruckende Masse des vieleckigen Bergfrieds vor dem kargen Bergrücken der Corbieres

Der Burgaufgang über eine bewehrte Treppe neben meterdicken Mauern


Die Berge der Corbieres mit ihren Weinhängen waren der Beginn und sind das Ende unserer Reise in das Land der Katharer. Der Abschluß einer Reise in das dunkle Zeitalter der Verfolgung und zu den mittelalterlichen Bollwerken der Häresie in Südfrankreich.

Die von Kirche, Kreuzfahrern und der Inquisition vor 800 Jahren verübten Grausamkeiten an Andersdenkenden haben uns sehr nachdenklich zurückgelassen. Wie viele wissen wohl von dieser Zeit? Wir haben versucht, uns ein Bild zu machen…

zum Lesen/Anschauen:

  • Georges Serrus: “Land der Katharer”; Edition Loubatieres, 1990
  • Rene Weis: “Die Welt ist des Teufels-Die Geschichte der letzten Katharer”, G.Lübbe Verlag, 2001
  • Tourismusführer Aude, Pays Cathare, 2019/2020
  • “Die Inquisition”;  GEO Epoche -Das Magazin für Geschichte, Nr.89/2018
  • “Die Festungsstadt Carcassonne”, Editions du patrimoine, Paris 1998
  • Frankreich-Reiseführer, Dorling Kindersley Verlag GmbH München, Neuauflage 2017/2018
  • Franjo Terhart: “Unentdeckte Pyrenäen”, National Geographic Adventure Press, Goldmann Verlag München, 2003
  • Georg Brun: “Das Vermächtnis der Katharer”, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung München, 2000
  • Naturzeit aktiv “Pyrenäen”, Naturzeit Reiseverlag e.k., 82288 Kettgeisering, Mai 2018
  • Youtube: Geschichte der Katharer/Histoire des Cathares

im Internet:

  • https://www.payscathare.org/de/das-netz-der-baudenkmaeler-in-der-region-aude-pays-cathare
  • https://www.burgen.de/frankreich/die-burgen-der-katharer
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Carcassonne
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Okzitanien_(Verwaltungsregion)
karten-images:

(v.k.)