In “Unterwegs in Bildern” und ihren Unterverzeichnissen beschnuppern wir unsere Welt bei Kurzurlauben, gemeinsamen Wanderungen oder Fahrradtouren. Mehr zu unseren „größeren“ und „großen“ Unternehmungen in die Ferne (Städte- und Länderreisen) habe ich auf den Seiten REISEN UND BERICHTE eingestellt.
Wenn wir zwei in diesem Jahr im Ostseebad Zingst „Urlaub auf dem Darß“ machen, haben wir sicher keine schlechte Wahl getroffen. Allerdings mit dieser Beschreibung auch gleich den ersten geographischen Fauxpas begangen. Denn: Die Gemeinde Zingst mit ihren rund 2800 Einwohnern liegt auf einem Landschaftsteil, der bis 1874, durch den Prerowstrom im Westen vom Darß getrennt, selbständige Insel war: die damalige InselZINGST. Das gleiche gilt für den angrenzenden Landschaftsteil Darß, der bis 1394 vom südlichen Fischland durch den Darßer Kanal („de Loop“) ebenfalls Insel war- die damalige InselDARSS. Und last not least auch für das Fischland, das bis zum Ende des 14.Jhd. durch den Fluß Recknitz vom Festland getrennt war und ebenfalls Inselstatus hatte- die Insel FISCHLAND. Beide Flüsse und der Kanal wurden aus geopolitischen und wirtschaftlichen Gründen von Menschenhand zerstört und zugeschüttet, so daß es heut nur noch eine zusammenhängende Halbinsel auf diesem Längengrad zwischen Ostsee und Boddengewässer gibt. Wir sind also mit unseren Wanderungen und den Radl`n zwischen den Ostseebädern Zingst, Prerow und Ahrenshoop richtigerweise auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst unterwegs. Wieder etwas dazugelernt…
Bücher, Bildbände und Reisebeschreibungen über dieses wunderschöne Gebiet in Mecklenburg-Vorpommern mit seinem Nationalpark „Vorpommersche Boddenlandschaft“ gibt es zuhauf, hier nur einige Bilder und Collagen mit unseren persönlichen Erlebnissen:
♦ Auf dem Zingst
Kranichzeit: Wenn in den Herbstmonaten die Kraniche alljährlich ihre Reise aus dem Norden unterbrechen, um in den Gefilden der Halbinsel Zwischenrast einzulegen, haben die Beobachtungsstellen am Pramort Hochbetrieb. 2024 sind hier vor ihrem Weiterflug gen Süden ca. 60.000 Tiere gezählt worden. So jedenfalls die Auskunft des sachkundigen Rangers.
Freßpause, Putzzeit, Geschnatter ohne Ende und Balztänze der Vögel am Tagesausklang
Neben Schiffen, Kunst und interessanten Inselgebräuchen nimmt der alljährliche Kranichzug auch im Zingster Heimatmuseum einen großen Raum ein, wie die Bilder unten beweisen:
Die Kraniche sind hier überall, statt ihrer grauweißen Gefieder hier allerdings künstlerisch verarbeitet und in den schönsten Farben
Abseits der Buhnen und der Zingster Seebrücke: Leuchtendes Wollgras und Weißes Pampasgras (Mitte)
Wenn das kein Timing ist: Ein Konzert der Sächsischen Bläserserenade unter der Leitung von Siegfried Mehlhorn in der evangelischen Peter-Pauls-Kirche des Ortes. In dieser Kirche trat übrigens im Juni 1935- und dies im Rahmen eines theologischen Seminars- der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer auf
Zingster Strandansichten (1)
Zingster Strandansichten (2)
♦ Auf dem Darß: Rund um Prerow und Ahrenshoop
Was die Kranichbeobachtung vor der Großen Kirr und Pramort ist, das ist die Beobachtung des Rotwildes am Darßer Ort. Auf der nördlichsten Spitze des Darß durch feste Wege an den Strandabschnitten des Nationalparks geschützt, bieten mehrere Bebachtungsstellen die Möglichkeit, Rot- und Schwarzwild ganzjährlich zu beobachten. Auch uns sind in sicherer Entfernung mehrere Tiere vor die „Linse“ gelaufen:
Auf erfolgreicher Rotwild-Fotopirsch: Der Nationalpark „Vorpommersche Boddenlandschaft“ ist übrigens mit einer Größe von 78.600 ha der größte deutsche Ostsee-Nationalpark
Der hölzerne Turm der Prerower Seemannskirche stammt aus der „Schwedenzeit“ (1648-1815) und diente früher den Seeleuten als Peilpunkt auf ihrem Weg von der Ostsee in die Mündung des Prerow-Stroms. Die Kirche selbst wurde zwischen 1726-1728 erbaut und ist das älteste Gebäude auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Die alten kunstvoll verzierten Grabsteine auf dem Friedhof erinnern an die Zeit, in der die Halbinsel einst Land der Kapitäne und Seeleute war und die Schiffahrt ihren Wohlstand ausmachte
Die 720m lange Prerower Seebrücke (oben) und der Leuchtturm am Darßer Ort. Die Seebrücke aus Beton und mit Knick ist übrigens die längste im Ostseeraum und wurde 2024 fertiggestellt, der 35 m hohe Leuchtturm wurde 1848 erbaut und ist noch immer in Betrieb- heute allerdings ferngesteuert
Werbung und Blickfang auf Rädern: Das am meistem fotografierte Haus am Strand von Ahrenshoop…
…die Schifferkirche (links oben) und typische Ahrenshooper Ortseindrücke
In den Galerien der Ahrenshooper Kunstkaten (links) und Urlaubsabschied am abendlichen Strand
Quellen:
(1): Das kleine Fischland-Darß-Zingst-Buch, Rhino-Verlag, Ilmenau, 2023
Die Triebisch verläßt ihre besinnliche Route durch den Tharandter Wald und strebt nach Mohorn über Rothschönberg, Munzig und die angrenzenden Triebischtäler nun in Richtung Norden. Unterwegs nimmt sie bei Heynitz den Heynitzbach oder in Neurobschütz die Kleine Triebisch auf, ehe sie nach ca. 37km bei Meißen in die Elbe mündet. Unterwegs bei Rothschönberg gewinnt sie an Kraft, da hier die Grubenwässer des Rotschönberger Stollns einströmen. Unsere Wanderung um Grillenburg, im Quellgebiet der Triebisch und auf einem mittleren Abschnitt der Triebisch habe ich in vorangegangenen Blogbeiträgen bereits vorgestellt.
Unser (gelb markierter) Tourenverlauf diesmal:
Laut Komoot beträgt die ca. 3-stündige Rundwanderung von Rothschönberg aus über das Tanneberger Loch, Burkhardswalde und Munzig ca. 11km. Das Profil: ca. 150m bergauf und 150m bergab. Also nicht allzuschwer.
Start und Ziel ist das Hauptstollnmundloch des Rothschönberger Stollns, welches einige hundert Meter vom etwas entfernteren Röschenmundloch direkt an der Triebisch entfernt ist. Der Stolln selbst ist ein technisches Meisterwerk des 19. Jhd., auch wenn es ähnliche wasserableitende Stolln bereits im späten Mittelalter gegeben hat (z.B. Markus Semmler-Stolln in Aue/Bad Schlema, 16. Jhd.). 2027 jährt sich die Fertigstellung dieses größten und tiefsten Entwässerungsstollns aus dem Freiberger Revier (Bauzeit 1844-1877) übrigens zum 150. Mal.
Am Hauptstollnmundloch des Rothschönberger Stollns
Direkt an der Triebisch befindet sich das gemauerte Röschenmundloch. Nach dem Passieren der ca. 850m vom Hauptstollnmundloch (obere Collage) entfernten und 2x3m großen unterirdischen Abzugsrösche ergießen sich die Grubenwässer in die bis dahin kleine und unscheinbare Triebisch
Wir unterqueren die heutige Autobahntrasse der A4 und passieren das Tanneberger Loch, in dem sich bis in die späten 1990-iger Jahre die damalige Autobahn (Abschnitt Nossen-Wilsdruff) befand. Heute erinnert rein gar nichts mehr an diese alte Strecke, die wegen seiner Enge und der klimatischen Verhältnisse zu den Unfallschwerpunkten gehörte.
Von der Natur zurückerobert und heut ein von hohen Laubbäumen umsäumtes Tal: Der ehemalige und insbesondere im Winter gefürchtete A4-Autobahnabschnitt im Tanneberger Loch(oben). Heute von einer modernen Stahlbetonbrücke überspannt
Die spätgotische Hallenkirche und der historische Gasthof von Burkhardswalde
Im Tharandter Wald: Wanderung im Quellgebiet der Triebisch
Die Triebisch verläuft einen kleinen Teil ihrer besinnlichen Route im Tharandter Wald, ehe sie nach ca. 37km bei Meißen in die Elbe mündet. Unterwegs bei Rothschönberg nimmt sie die Grubenwässer des Rotschönberger Stollns auf, der noch heute die ehemaligen Bergbaugebiete um Freiberg entwässert. Unsere Wanderung um Grillenburg und auf einem mittleren Abschnitt der Triebisch habe ich in vorangegangenen Blogbeiträgen bereits vorgestellt.
Unsere Tourenverlauf diesmal:
Laut Komoot beträgt unsere ca. 3-stündige (mittelschwere) Wanderung zwischen Grillenburg und Mohorn-Grund ca. 12km auf leicht hügeligem Profil. Sie bewegt sich weitgehend im Quellgebiet der Triebisch bei Grillenburg: Eine entspannte Rundtour zum Ausgleich, ca. 130m bergauf und 120m bergab, die zudem großen Spaß macht!
Der Abfluß der Grillenburger Teiche liegt im unmittelbaren Quellgebiet der Triebisch….
…in dem die mittelalterliche Jagdhausanlage von Grillenburg wieder besseren Zeiten entgegensieht
Trotz Waldgeist und seinen Feen am Wege: Keine Angst, der Weg ist das Ziel
Gut ausgeschildert, ist der Triebisch-Weg nur auf einem kurzen Abschnitt ein Holzweg
Eine Fee am Triebisch-See?
Teichrosen und Rohrkolben warten auf die müden Wanderer
Vor Mohorn ist aus dem Quell-Rinnsal bereits ein ansehnliches, kleines Triebisch-Bächlein geworden
Unser Wanderabschluß am Flügel Jägerhorn des Tharandter Waldes: Der Steinbruch, aus dem das Material für die Freiberger, Naumburger und Nossener Dombauhütten im späten Mittelalter gebrochen wurde
Der Tharandter Wald ist ein ca. 60qkm großes, zusammenhängendes Waldgebiet südwestlich von Tharandt. Dessen geographischer Mittelpunkt ist seit seiner Erwähnung im Jahre 1289 das kurfürstliche Amt incl. Jagdpfalz und Jagdschloß „Grillenburg“. Insbesondere im späten Mittelalter lieferten die Wälder nicht nur Holz für die sächsischen Bergwerke, ab Mitte des 16.Jhd. dienten sie auch den zunehmenden Jagdinteressen des Dresdener Herrscherhauses. Unter der Leitung des Thüringer Forstmannes Heinrich Cotta wurde das Waldgebiet ab 1811 zum sächsischen Lehr- und Versuchsforst.
An dieser Stelle bzw. über diesen Link hatte ich das Kloster Buch vor längerer Zeit schon einmal vorgestellt. Sind wir nun zum zweiten oder bereits zum dritten Mal zu Gast auf seinem Gelände und in seinen historischen Gemäuern?Egal,der vom 16.-18.Mai 2025 stattfindende Kloster- und Gartenmarkt ist allemal ein Grund, dieses an der Freiberger Mulde bzw. am Muldental-Radwanderweg (zwischen Döbeln und Leisnig) gelegene Gelände nochmals zu besuchen:
Das erstmals 1192 urkundlich erwähnte Zisterzienserkloster Buch prägte nicht nur durch seinen zivilisatorischen Einfluß das Gesicht unserer Landschaft, sondern über Jahrhunderte auch die Geschichte unseres Landes. Wertvolle bauliche Zeugnisse vermitteln uns heute noch einen Eindruck seiner einstigen Bedeutung…
Unsere Rundwanderung startet am Naturerlebnishof Weidegut in Colmnitz mit seinem historischen Dreiseitenhof, dem grossen Kräutergarten und dem ganz in der Nähe liebevoll ausgebauten Kinderspielplatz. Er führt über die historische Schmalspur-Bahnstrecke (1921 – 1971) zum Mittelpunkt Sachsens. Zur Diebeskammer des ehemaligen Räuberhauptmannes Lips Tullian und am Colmnitzbach weiter bis zum südöstlichen Ortsrand der Gemeinde Naundorf. Anschließend zurück über die Alte Salzstrasse und den romantischen Tännichtgrund. Mit ca. 11km Wegstrecke und einem bequemen Höhenprofil mit 150m Auf- und Abstieg eine einfache Tour im romantischen Tal der Colmnitz…
♦ Image:
Geografischer Mittelpunkt Sachsens, Alexander Jäkel, CC BY-ND, Andre Kaiser
Namensgeber und markantestes Bauwerk der Gemeinde Klingenberg ist die Talsperre mit Staumauer und Vorsperre, die von 1909 bis 1914 aus Bruchsteinen unter der Leitung des Architekten Hans Poelzig erbaut wurde. Sie dient vorrangig der Trinkwasserversorgung und dem Hochwasserschutz.
Einzelheiten zur Lage, zum Bau und zu den technischen Daten der Staumauer und dem in ihrem Inneren verborgenen Wasserkraftwerk sind meinem Blogbeitrag unten vom Mai 2020 zu entnehmen, in dem auch eine interessante Rundwanderung in Wort und Bild vorgestellt ist:
PS: Die idyllisch am Beginn der Staumauer gelegene Gaststätte „Lindenhof“ war übrigens eine der ersten Häuser, die mit Lockerung der CORONA-Schutzmaßnahmen in Sachsen am 14.01.2022 seine Türen für Touristen und Besucher wieder geöffnet hat…
Wieder angekommen in der mystischen Schönheit des Böhmerwaldes
Der massive Waldrücken, der sich zwischen den Tälern der Moldau im Böhmischen und der Großen Mühl in Oberösterreich nordwärts schiebt, heißt seit Menschengedenken auf allen Landkarten „Böhmerwald“. Und auf tschechisch Sumava, was in der Übersetzung auch „Rauschen“ bedeutet. Dieses Rauschen kann man sowohl auf den Wald, als auch auf das Wasser seiner Seen, Ströme und unzähligen Bäche beziehen.
Blick vom Hochkamm des Bayrisch-Böhmischen Waldes gen Süden in das Tal der Großen Mühl …
Dreisesselberg,Steinernes Meer, Plöckenstein, Hochficht, Schöneben… Alles Zauberworte. Zauberworte in einem Märchenland, dessen Name für den Böhmerwald steht: Für mich seit Jahrzehnten ein immer wiederkehrender, dunkelblauer Traum. Denn: Das Landschaftsgebiet im Dreiländereck zwischen Südböhmen, Bayern und Oberösterreich gehört mit seinen urwüchsigen, wilden Wäldern und wuchtigen Bergen zu den schönsten, aber auch anspruchsvollsten Wander- und Erholungsregionen Deutschlands. Eine Herausforderung an Kopf und Körper und ein Willkommensort für die Seele.
…und gen Osten zum Bergmassiv des verschneiten Plöckensteins (Plechy)
Immer wieder hat Adalbert Sifter, der Dichter des Böhmerwaldes, diese geheimnisvolle Landschaft beschrieben. Und auch den Orten, den Bergen und Wäldern, die sich mir seit vielen Jahren als etwas Geheimnisvolles in die Seele gesenkt hatten, ihre Geschichte gegeben: „Da ruhen die breiten Waldesrücken und steigen lieblich, schwarzblau dämmernd gegen den Silberblick der Moldau hinab. Es wohnt unsäglich viel Liebes und Wehmütiges in diesem Anblick. Waldwoge steht hinter Waldwoge, bis eine die letzte ist und den Himmel schneidet“ (1).
Daß wir diesem Zauberwald und seiner Magie auch in diesem Winter die Treue gehalten haben, wollen nachfolgende Bilder belegen:
Die bizarre Winterlandschaft rund um das Bergmassiv zwischen Dreisessel, Hochstein und Plechy
Mit den Langläufern unterwegs auf dem ca. 1.000m hohen Plateau von Schöneben
Unweit des Langlaufzentrums in Richtung der böhmischen Grenze: Die Kapelle der Heimatvetriebenen von Glöckelberg (unten rechts)
…. Erst wenige Kilometer vor den Bergen des Parnass und oberhalb weiträumiger Olivenhaine eröffnet sich dem Besucher eine markante Landschaft: Ein steiler Hang mit dem Heiligtum und den Resten des antiken Delphi, der wichtigsten Orakelstätte Griechenlands. Der Zugang aus der Ebene ist nicht einfach. Der Gott Apollon soll bei seinen Reisen durch das Gebirge durch den Rauch aus einer Felsspalte auf den Ort des späteren Orakels aufmerksam geworden sein…
Delphi liegt an der Südküste Mittelgriechenlands vor dem Golf von Korinth. Der heilige Ort war im 6. Jahrhundert v. Chr. das religiöse Zentrum und das Symbol der Einheit der antiken griechischen Welt…
Zugegeben: Wir zwei haben uns schon lange mit dem Thema Alpenüberquerung beschäftigt. Verrückte Ideen kann man ja immer spinnen. Wenn (!), also wenn wir es wirklich angehen würden, so sollte es ein Abenteuer werden, das uns nicht nur ein wenig, sondern ganz fordert: Physisch, mental und emotional. Einmal im Leben die Alpen überqueren und mit ureigener Energie und Beharrlichkeit das schaffen, was mit Auto, Bus oder Zug schon in ein paar Stunden möglich ist. Sicher für viele und auch für uns ein langgehegter Traum. Denn wir lassen wir uns ein auf ein Abenteuer inmitten der Bergwelt des Alpenhauptkamms, dessen Verlauf und (hoffentlicher) Erfolg im wesentlichen durch eigene Kraft und eigenen Willen bestimmt sein werden. Doch: Welche Risiken birgt so eine Reise und schätzen wir diese richtig ein? Haben wir uns umfassend vorbereitet? Mit welchen Unwägbarkeiten im Gebirge müssen wir rechnen und- was wichtiger ist- werden wir diesen begegnen können? Auch wenn die Monate August-September die beste Zeit für eine Alpenroute sind, extreme Wettereinbrüche und Schneefall unterhalb 2.000m sind hier nichts Außergewöhnliches. Und: Abbrechen ist die schlechteste aller Optionen…
In Hinblick auf körperliche Fitness, Ausdauer und Belastbarkeit bei den zu erwartenden Tages-Touren (Länge der Auf- und Abstiege, Distanzen, Gehzeit, Trittsicherheit) haben wir uns in den vorangegangenen Jahren im Gebiet der Allgäuer und Ötztaler Alpen bereits etwas näher umgeschaut. Genauer gesagt, wir haben uns nicht nur umgesehen, sondern sind einzelne Abschnitte des legendären E5-Fern-Wanderweges im oberen Ötztal selbst gewandert. So im Gletschergebiet des Rettenbachferners, von der Braunschweiger Hütte über das Pitztaler Jöchl, auf dem Venter Höhenweg oder von Zwieselstein zum Timmeljoch. Und haben sie für uns persönlich getestet, siehe (1),(2). Mit dem Ergebnis: Der E5 ist konditionell sehr anspruchsvoll, setzt allerdings auf Berghütten mit ihren Matratzenlagern, unvermeidlichen Katzenwäschen oder diversen Gerüchen im Schuhraum, die nicht so unser Ding sind. Berghütten sollten zudem bereits lange im Vorfeld reserviert werden. Auch die Vorstellung, 6-10 Tage mit schwerem Wandergepäck unterwegs sein zu müssen, ist nicht gerade die Verlockung pur.
Alternative Alpenüberquerungen im Vergleich zur Hauptroute des E5 (der übrigens in seiner vollen Länge über 600 km von Konstanz am Bodensee bis nach Verona führt), sind in (3) vom Magazin BERGZEIT im Detail analysiert. Sie kombinieren auf bekannten Wegen sinnvolle Etappen, gute Übernachtungsmöglichkeiten und reizvolle Alpenlandschaften miteinander. Zu den schönsten Wanderrouten mit weniger als 120km Gesamtlänge, einer Gehzeit unter 10 Tagen, einem Gesamtaufsteig unter 6.000 Höhenmetern und einem mittlerem Schwierigkeitsgrad (d.h. 3) gehören folgende: Spitzingsee-Sterzing, Tegernsee-Sterzing, Garmisch-Sterzing und Oberstdorf-Meran.
Die Tour im Überblick
Unsere Wahl: Eine Treckingtour von Oberstdorf nach Meran, individuell und ohne Guide sowie nur mit leichtem Tagesgepäck im 30l- Rucksack! Dazu: Übernachtungen mit Hotelkomfort (in den Tälern) incl. Transport unseres Zusatzgepäcks. Etwas Komfort darf es also in unserem Alter schon sein! Der geeignete Anbieter dafür: Die ALPINSCHULE INNSBRUCK. Durch ASI-Reisen bereitgestellt werden neben einer detaillierten Routenbeschreibung auch recht gutes Kartenmaterial sowohl eine detaillierte Wegeführung via Handy & GPS App. Im Nachhinein: Ohne GPS-orientierte Online-Navigation ist für uns eine alpine Tour schwer vorstellbar. Zumal mobile Handy-Daten nicht in jeder Region verfügbar sind. Ein weiteres Plus, das nicht bei jedem Anbieter verankert ist: Der Rücktransport via Shuttlebus zum Ausgangsort!
Und noch einen Vorteil haben wir, auch wenn seitdem schon viel Wasser die Rhone heruntergeflossen ist: Wir müssen uns ausschließlich um uns selbst kümmern! Nicht um alpin unerfahrene 50.000 Soldaten, Pferde und 37 Kriegselefanten, mit denen der kathargische Heerführer Hannibal im Jahre 218 v. Chr. von der iberischen Halbinsel aus über die Alpen zog. Seine Reisedauer über die von Wissenschaftlern favorisierte (südliche) Alpenroute von der Stadt Valence am linken Ufer der Rhone über den Col de Grimone und den Col de la Traversette betrug immerhin ca. 15 Tage (4). Doch das nur am Rande…
Unsere Wandertour liegt zudem viel weiter östlich, ist nicht einmal halb so lang und führt uns in einer reichlichen Woche vom Kleinwalsertal über das Lech-, Inn-, Ötz- und Passeiertal vom Allgäu nach Südtirol. Auf diesem Weg werden wir mehrere Pässe, Sättel und Bergrücken in den Allgäuer,- Lechtaler,- und Ötztaler Alpen passieren, bis wir schließlich am Timmelsjoch den Alpenhauptkamm von Tirol nach Südtirol überschreiten:
Auf historischen Walserwegen in Richtung Arlberg und Lechtal: Der Hochalp-Paß (1938m). Im Hintergrund das Geißhorn mit seinen 2366m
Die Tour in Etappen, mit wenig Text aber reichlich Bildern
Etappe1: Ankommen im Allgäu
8km, ⇑150m/⇓150m, 4:30h
Ankunft aus Freiberg via Oberstdorf im Kleinwalsertal, welches als österreichische Enklave straßenmäßig nur über Deutschland aus erreichbar ist. Im 1.100m hoch gelegenen Ortsteil Baad der Gemeinde Mittelberg ist verkehrstechnisch das Ende der Fahnenstange erreicht. Finito, um den Talschluß herum nichts als Berge, die vom Großen Widderstein (2533m) dominiert werden. Die Akklimation nach langer Anfahrt tut gut. Wir machen uns mit dem Transportmodus des Zusatzgepäcks und den zukünftigen täglichen Abläufen bekannt, checken die Ausrüstung, informieren uns über das morgige Wetter und parken unseren PKW für eine reichliche Woche. Hier beginnt morgen unsere Wanderung. PS: Die in den Etappen angegebenen Zeiten sind reine Gehzeiten.
Willkommen in der Walser-Gemeinde Mittelberg
Etappe2: Auf historischen Walserwegen vom Kleinwalsertal in das Lechtal
12km, ⇑800m/⇓300m, 5:30h
Die Wanderung führt uns von Baad aus über die Bärgunthütte und das Bärgunttal zum Hochalppaß. Vor uns liegt die beeindruckende Bergkette der Allgäuer Hochalpen. Nach dem Abstieg zur Jägeralpe am Hochtannbergpaß führt der Weg weiter nach Warth. Warth ist übrigens mit seinen 1495m die höchstgelegene Vorarlberger Gemeinde im Lechtal. Mit dem Lechtaler ÖPNV geht es in ca. 10min. über kleine Dörfer und Weiler zur ersten Übernachtung in Steeg:
Nach der ersten Orientierung über den Verlauf der Tagesetappe….
…kann es dann endlich losgehen!
Nach kräftigem Anstieg angekommen am Hochalppaß (1938m/links-oben). Bald gibt das Gelände im Westen den Blick auf das Geißhorn (2366m/rechts oben) und im Osten auf den Kalbelesee frei (rechts Mitte). Der Kalbelesee wird im Hintergrund von den Bergrücken des Lechquellengebirges begrenzt. Der Körbersee in seiner Nachbarschaft wurde 2017 vom ORF zum schönsten Platz Österreichs gewählt… Im Abstieg weist uns die Wegmarkierung den weiteren Weg zum Hochtannbergpaß im Tal (1676m/links-unten).
Erstes Fazit in vor dem Einschlafen in Steeg: Es läßt sich gut an
Etappe3: Vom Lechtal ins Inntal
10km, ⇑950m/⇓400m, 5:30h
Ein Shuttle-Transfer bringt uns am frühen Morgen im engen Lechtal nach Bschlabs, wo der steile Aufstieg der heutigen Etappe beginnt. Auf dem Bschlabser Höhenweg Nr.616 steigen wir zur Anhalter Hütte auf. Ab hier geht es noch weiter hinauf: Das Steinjöchl markiert im weiteren Verlauf an dieser Stelle den Kamm der Lechtaler Alpen. Nun liegen 300m Steil-Abstieg zur Paßstraße am Hahntennjoch vor uns. Wenn man pünktlich ist, bringt der ÖPNV die Wanderer zum Etappenziel nach Imst/Karres im Inntal. Wenn nicht, muß man am Joch 3 Stunden bis zum nächsten (und letzten) Bus ausharren. Es sei denn: Man kann trampen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, denn die Paßstraße nach Imst ist lebensgefährlich schmal und äußerst serpentinenreich…
Der Weg ist das Ziel: Über grüne Matten und Weiden mit neugierigen Haflinger-Pferden und über ein ausgetrocknetes Flußbett geht es hinauf zur Anhalter Hütte (2040m)
Wohlverdiente Rast in der Anhalter Hütte (links-oben) inmitten der Bergwelt der Lechtaler Alpen
Unterwgs auf anstrengender und z.T. handverseilter Wegstrecke (links-oben). Auch in der Realität kaum auszumachen: Der Pfad zum Steinjöchl im Geröllfeld (2198m/rechts-oben). Anfangs als Felsen-Durchbruch vermutet, entpuppt sich der sichtbare und nach vorn offene Hohlraum als Schutz-Cave vor Gewitter oder Wetter-Unbilden. Nach Überquerung des Jöchls öffnet sich vor uns das Inntal mit der Paßstraße (links unten)
Wenig einladend und sehr gefährlich: Der Paß am Hahntennjoch (1894m). Die Paßstraße verbindet das Tiroler Lechtal mit dem Inntal und ist -ähnlich wie die Timmelsjochstraße im ausgehenden Ötztal oder die Silvretta-Hochalpenstraße im Montafon- mehr als geeignet für Selbstdarsteller auf Motorrad oder Cabrio. Die äußerst kurvenreiche Straße weist bei einer Gesamtlänge von 29km Steigungen bis zu 19% auf
Etappe4: Hoch über dem Ötztal
13km, ⇑900m/⇓780m, 6:00h
Wir verlassen das Inntal. Bei Alpen-Bilderbuchwetter bringt uns der ÖPNV in südöstlicher Richtung nach 20min von Imst/Karres nach Umhausen im Ötztal. Über das Ötzi-Museums-Dorf und den Stuibenfall, den größten Wasserfall Tirols, führt uns die Wanderung nach Niederthai. Von hier aus weiter über die Jausenstation der Wiesle-Alm und der (unbewirtschafteten) Hemrach-Alm. Über einen steilen Abstieg geht es wieder hinab ins Tal der Ötztaler Ache nach Dorf-Espan und von dort in 20min mit ÖPNV zum Etappenziel Sölden.
Die Urkraft des Wassers in einem eindruckvollen Naturschauspiel
Auf Schuster`s Rappen unterwegs vom Stuibenfall nach Niederthai (1550m). Das idyllische Dorf südöstlich von Umhausen liegt im Horlachtal, einem Nebental des Ötztals. Nach der gestrigen Kraxelei in den Lechtaler Alpen ist die Tour fast ein halber Ruhetag. Die satten, grünen Matten rund um die gesamte Gemeinde muten an wie Bilder aus einem grünstichigen Farbfilm…
Zu früh gefreut: Der Abstieg von der schmucken Wiesele-Alm (rechts-oben) hinunter in das Ötztal muß sein, wollen wir heut abend programmgemäß unser Nachtlager in Sölden aufschlagen. Allerdings ist der Pfad 800m abwärts nicht gerade ein übergroßes Highlight (links und rechts-unten). Auch nicht mit unseren lang ausgezogenen Teleskop-Stöcken. Auf denn, fliegen müßte man können…
Die Königsetappe: Über das Timmelsjoch vom Ötztal ins Passeiertal
16km, ⇑830m/⇓690m, 6:30h
Wenn (fast) noch alles schläft, bringt uns der ÖPNV am Morgen der 5. Etappe in 10min von Sölden nach Zwieselstein. Ab Haltepunkt Sahnestüberl (1656m) laufen wir die originale E5-Etappe auf der Paßsstraße gen Timmelsjoch. Es geht stetig nach oben. Wir passieren das Schmuggler-Denkmal und haben bei 2474m die berühmte Passhöhe am Alpenhauptkamm erreicht. Am Passo del Rombo überschreiten wir die Grenze von Österreich nach Südtirol, vom Ötztal ins Passeier. Das fast 40km lange Passeier Tal beeindruckt durch extreme Steilhänge, tiefe Täler und unzählige Wasserfälle, die von den Berghängen herabstürzen. Wir steigen das Passeier Tal hinab bis zum Albergo Hochfirst. Ab hier bringt uns der ÖPNV über St.Leonhard i.P. bis zum Etappenziel in St. Martin i.P.
Der gestrige nervige Abstieg ist vergessen. Außer einigen Wölkchen vom Paß schaut der Himmel aus, als könnte er kein Wässerchen trüben
Am Wanderweg nahe der Strasse erinnert ein begehbarer Würfel- das Schmugglerdenkmal- an die abenteuerliche Welt des Schmuggelns über das Timmelsjoch. Gute 10 Stunden Marsch – zumeist in der Nacht – und schwer beladen mit einer vollen Kraxe, musste ein Schmuggler auf Abwegen über das Timmelsjoch zurücklegen. Jederzeit drohte Lebensgefahr durch Wetterstürze, Lawinen, Steinschlag, Erfrieren, Absturz oder auch durch schiessfreudige Zöllner. Siehe auch (5)
Als wollte das Wetter die Situation der Schmuggler und die permanente Auseinandersetzung der Gebirgler mit der rauen Natur anschaulich unter Beweis stellen: Eine Nebelwand zieht vom Passeier Tal auf und bringt über böige Winde kalte Luft über den Paß
Geschafft! Wir haben das Timmelsjoch und die Ländergrenze nach Italien erreicht. Vor uns liegt Südtiroler Gebiet. Jetzt heißt es, bei dichtem Nebel den richtigen Weg abwärts zu finden. Viel wird auf dem Selfie der beiden Damen (Mitte-oben) auch nicht zu sehen sein…
Beim Abstieg ins Passeier Tal. Auf dem Weg nach unten ein altes Zollgebäude auf italienischer Seite. Ich habe nachgesehen und mich überzeugt: Das Renovieren lohnt nicht mehr…
Die extremen Steilhänge sind typisch für das Passeier-Tal (links-oben). Wir sind nach dem Abstieg vorerst angekommen im Gasthof „Hochfirst“ Moos i.P. (rechts-oben). Bei der Busfahrt zum heutigen Etappenziel passieren wir die Gemeinde St. Leonhard i.P. und kommen am Gasthaus „Sandwirt“, dem Geburtshaus Andreas Hofers, vorbei. Hofer war der Anführer der Tiroler Freiheitskämpfe gegen die Franzosen von 1805-1809. Nach der Schlacht und Niederlage am Innsbrucker Bergisel wurde Hofer, der sich auf der Pfandleralm versteckt hielt, verraten und 1810 in Mantua erschossen. Ein Zufall? Unser Hotel „Pfandleralm“ in St. Martin i.P. (links-unten) liegt der (im Wald gut versteckten) Pfandleralm direkt gegenüber. Rechts-unten ein Porträt Hofers
Etappe6: Entlang der Waalwege vom Passeiertal nach Meran
18km, ⇑850m/⇓1160m, 06:50h
Der ÖPNV bringt uns in 12min von St.-Martin i.P. talauswärts nach Saltaus i.P. Das Gelände zu beiden Seiten der Passer besteht zum größten Teil aus Obst- und Apfelbaumhängen, die durch das alpin-mediterrane Klima Südtirols mit 300 Sonnentagen im Jahr optimale Wachstumsbedingungen haben. Wir wandern einen Höhenweg entlang, der dann in die Meraner Waalweg-Runde (Sentiere dÀcqua) übergeht. Über die Waale (ab dem 13. Jhd. künstlich angelegte Bewässerungskanäle) wurde bereits früher die Bewässerung der Landwirtschaft und der Obstanbaugebiete organisiert. Wir tangieren die Orte Riffian und Annaheim westlich der Passer bzw. Schenna auf der östlichen Seite. Nach dem Tiroler Kreuz bzw. Dorf Tirol fahren wir mit dem ÖPNV nach Meran.
Auf dem Waalweg, vorbei an den bewirtschafteten Hängen und…
…üppigen Obstgärten Südtirols
Mit dem Teleobjektiv etwas näher herangeholt: Auf der östlichen Seite der Passer und gegenüber von Dorf Tirol liegt auf 570m Höhe das Dorf Schenna mit Pfarrkirchce und Schloß
Etappe7: Entspannung im malerischen Meran
Meran ist erreicht und damit auch das Ende unserer Alpentour. Das Ende einer erlebnisreichen Bergwanderung über große Höhen und Tiefen- im wahrsten Sinne des Wortes! Jede Etappe, die uns diesem Ziel näher gebracht hat, hatte ihr eigenes Profil und war geprägt durch deren ureigene Landschaft und Kultur. Wir werden hier vor Ort noch zwei Tage bleiben und dann mit dem Prenner-Bus-Shuttle über den Reschenpaß und den Fernpaß wieder nach Oberstdorf zurückkehren (Fahrzeit ca. 5:50h). In ein paar Tagen ist zudem eine globale, europäische Schlechtwetterfront mit Unwettern, Dauerregen und dem ersten Schnee im Hochgebirge angekündigt, nutzen wir die Zeit.
PS: Wenn ich die gemeinsame Analyse unserer Reise und die Zeichen der Zeit unter dem blitzblank-geputzten Himmel über Meran richtig deute, wird es wohl in absehbarer Zeit eine weitere Tour über die Berge der Alpen geben…
Meran/Merano: Erste Eindrücke in der einstigen Haupstadt des Landes Tirol
Der Meraner Talkessel mit Blick vom berühmten Tappeinerweg. Im westlichen Hintergrund bahnt sich die Etsch ihren Weg durch das Vintschgau…
…und weiter im Osten sieht man bereits das Schlern-Massiv der Dolomiten